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25.07.2016, 08:40

Nationalfeiertag 2016

veröffentlicht von: Daniel Theissen

Ansprache des Bürgermeisters
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Sehr geehrter Herr Minister, sehr geehrte Ehrengäste,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

als Bürgermeister habe ich heute die besondere Ehre Sie alle, auch im Namen meiner Kolleginnen und Kollegen des Gemeindekollegiums, des Stadtrates und der Verwaltung, hier im Triangel anlässlich des Nationalfeiertags willkommen  heißen zu dürfen.

In diesem Jahr hat sich das Gemeindekollegium etwas Neues zur Feier des Nationalfeiertages einfallen zu lassen, denn wir möchten mit einem anderen Konzept die Menschen ansprechen, die in unserer Gemeinde Verantwortung tragen und sich für das Allgemeinwohl einsetzen.

Dies geschieht in besonderer Weise in der vielfältigen Vereinswelt und so freut es mich sehr, dass Sie uns heute mit Ihrer Anwesenheit die Ehre erweisen.  Das ist in meinen Augen ein starkes Zeichen der Verbundenheit und der Solidarität mit unserer Gemeinde St.Vith und indirekt auch mit unserem Land Belgien.

Mein besonderer  Dank gilt an erster Stelle unserem Herrn Dechant Claude Theiss, Frau Christine Treichel, Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde und der Choralgruppe für den feierlichen Vortrag des Te Deum in unserer Pfarrkirche, sowie dem Symphonischen Blasorchester der Belgischen Eifel unter der Leitung von Roland Smeets, die uns nach meiner Rede mit einem schönen Konzert verwöhnen werden.

Historisch gesehen ist der 21. Juli der Tag, an dem wir der Gründung Belgiens gedenken, der Tag an dem unser erster König Leopold von Sachsen-Coburg-Gotha den Eid auf die belgische Verfassung ablegte.

Wir feiern also heute den 185. Geburtstag unseres Landes, ein Staat, der im Laufe seiner Geschichte viele Krisen und Reformen erlebt hat, denn sechs Staatsreformen haben unser Land immer wieder umgeformt. Belgien hat ein kompliziertes Staatsgefüge und ist durch seine vielen Entscheidungsebenen nicht leicht zu regieren.  

Am 22. März  dieses Jahres wurde unser Land durch die Terroranschläge von Brüssel besonders hart getroffen. Dutzende Anschläge und religiöser Fanatismus in der Welt greifen ganz gezielt unsere Freiheit und unsere Werte, ja unser Gesellschaftsmodell an. Sie machen aber auch deutlich, dass ein Zusammenleben der verschiedenen Kulturen und Religionsgemeinschaften in einem Land nur funktionieren kann, wenn gemeinsame Grundwerte von allen gesellschaftlichen Gruppen akzeptiert werden!

Ob alle, die bei uns leben, dazu bereit sind, darf man in der heutigen Situation sicher bezweifeln, und so werden wir derzeit in vielen Bereichen hart auf die Probe gestellt. Die Welt um uns herum ist aus den Fugen geraten. Die immer wieder propagierte offene Gesellschaft überfordert zunehmend unsere Polizei und Justiz, steigende Kriminalität verändert die Lebensperspektiven für viele Menschen zum Negativen.

Die Globalisierung der Märkte, jahrzehntelanger Steuerbetrug oder besser gesagt Steueroptimierung über Steueroasen haben die Nationalstaaten finanziell geschwächt und erschüttern das Vertrauen in die Politik. Die ungerechte Verteilung der Reichtümer ist mitverantwortlich für Armut und Elend in der Welt.

In unserer heutigen digitalen Kommunikationsgesellschaft lässt sich das nicht länger unter den Teppich kehren. Die Menschen erwarten zu Recht, dass sich die politisch Verantwortlichen in unseren Staaten weniger um Lobbyisten, als um die Menschen und ihre Probleme kümmern.

Unser Nationalfeiertag bietet uns deshalb eine gute Gelegenheit uns auf die gemeinsamen Werte zu besinnen, die unseren Staat, Europa und unser Gesellschaftsmodell erst lebenswert machen. Es genügt sicher nicht, wenn wir alle ein bisschen netter miteinander umgehen. Wenn wir auf Dauer Freiheit und Demokratie erhalten wollen, braucht es gerechte Strukturen, es braucht die Solidarität der Starken mit den Schwächeren, aber auch Respekt, Geduld und Mitgefühl unter den Menschen.

Der Brexit hat den Vertrauensschwund noch einmal deutlich gemacht und fordert unsere Politik geradezu zu einem Neuanfang auf. Weniger Bürokratie wagen und überlegen, was wir in Europa gemeinsam anders und besser machen können, das müsste jetzt die Devise sein.

Denn wenn das Projekt Europa eine Zukunft haben soll, dann müssen die politischen und wirtschaftlichen Eliten endlich für mehr Steuergerechtigkeit und eine neue Wirtschaftsstrategie Sorge tragen! Wir müssen uns von der Droge „immer mehr Wachstum„ befreien, die auch eine Ausbeutung von Millionen Menschen und eine enorme Verschwendung von Ressourcen zur Folge hat.  

Die Folgen dieser fragwürdigen Politik sind auch hier bei uns zu spüren. Unsere traditionelle Landwirtschaft wird derzeit auf dem Altar der Globalisierung geopfert. Wir verbrauchen Biodiesel, für dessen Herstellung Urwälder abgeholzt werden, um Palmölplantagen anzulegen. Wir setzen die Versorgung unserer eigenen Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln aufs Spiel und ruinieren mit Exporten von Nahrungsmitteln zu Dumpingpreisen die Lebensgrundlage von Millionen Menschen in der dritten Welt.

Dieses Wirtschaftsprinzip ist moralisch nicht mehr zu verantworten und wird von immer mehr Menschen in Frage gestellt. Wir brauchen deshalb auch eine neue Lebensphilosophie, indem wir industrielle Wertschöpfungsprozesse einschränken und lokale Selbstversorgungsmuster wieder stärken.

Ein solches Wirtschaften wäre genügsamer, aber auch stabiler und ökologisch verträglicher. Es würde viele Menschen entlasten, denen im Hamsterrad der materiellen Selbstverwirklichung schon ganz schwindelig wird.

Der französische Philosoph Moliere meint in einem Zitat: Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun!

Und da kann jeder auf seine Weise positiv in das Geschehen eingreifen und etwas tun. Fragen wir uns doch einmal selber: Was kaufe ich ein und wo? Was trage ich jeden Tag in meinem Umfeld, im Privaten wie am Arbeitsplatz zu einem positiven Zusammenleben und Arbeiten bei? Ohne Wertschätzung, Achtsamkeit und Verständnis füreinander, werden wir keine neue bessere Zukunft für uns alle schaffen können.

Heute am 21. Juli ist deshalb eine gute Gelegenheit, um darauf  hinzuweisen, dass wir alle diesen Staat bilden und gemeinsam für ihn Verantwortung übernehmen müssen. Denn auch, wenn es vieles an unserem politischen System zu bemängeln gibt, ohne den Schutz eines demokratischen Staates wären wir der Willkür und Ausbeutung ausgeliefert, wir würden unserer Würde und Freiheit beraubt und hätten selbst vor Gericht keine Chance auf einen fairen Prozess.

So sollten wir dankbar sein, dass wir in Belgien eine relativ sichere Heimat haben und unser Land unterstützen wo wir können. In der Deutschsprachigen Gemeinschaft dürfen wir vieles in Autonomie selber gestalten und wir haben viele Möglichkeiten der Mitbestimmung. Das sollte uns Mut machen, uns in diese Gesellschaft einzubringen und unser Lebensumfeld jeden Tag  mit unserem eigenen Einsatz, positiv zu beeinflussen.

So nutze ich gerne die Gelegenheit des Nationalfeiertages, um den aktiven Kräften in unserer Gemeinde, die tagein, tagaus hervorragende Arbeit in Vereinen und Einrichtungen leisten zu danken.

Danke für euer wertvolles Engagement und eure ehrenamtliche Tätigkeit im sozialen, sportlichen und kulturellem Bereich!

Dieser Einsatz ist unerlässlich und wertvoll, damit wir an der Basis unserer Gesellschaft manche Herausforderungen stemmen können, die ein stark geforderter Staat zum Teil nicht mehr wahrnehmen kann.

So möchte ich Sie bitten, mit mir auf unsere Zukunft und auf das Wohlergehen unseres Landes einzustimmen:

"Es lebe der König!  Es lebe Belgien! Es lebe die Demokratie!“

Christian Krings, Bürgermeister der Stadtgemeinde Sankt Vith