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11.11.2009, 16:13

Rede zum Waffenstillstand 2009

veröffentlicht von: Christian Krings

Sehr geehrter Herr Pastor, sehr geehrter Herr Minister, sehr geehrte Mitglieder der Krieger- und Veteranenverbände, sehr geehrte Vertreter des PDG, der Provinz, des Gemeindekollegiums, des Stadtrates, der Polizei, der Streitkräfte, der Schulen, der Feuerwehr und der Ortsvereine. Sehr geehrte Herren Ehrenbürgermeister und Ehrenschöffen, werte Vertreter der Presse, werte Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Ich darf Sie alle recht herzlich im Namen der Stadtgemeinde St.Vith zu unserer Gedenkfeier für die Opfer der beiden Weltkriege hier in Schönberg begrüßen.

Als am 11. November 1918 nach 4 Jahren Weltkrieg endlich die Waffen schwiegen, war dies für die Menschen der damaligen Zeit die Erlösung vom Trauma des ersten globalen Völkermordens und wir begehen diesen Gedenktag heute in Erinnerung an die Unterzeichnung des Waffenstillstandes von damals.

Mit dem Versailler Vertrag zwangen die Siegermächte ein Jahr später den Verlierern dieses Ersten Weltkrieges eine Neuordnung Europas auf, die von vielen als Demütigung empfunden wurde und die nur zwei Jahrzehnte bestand haben sollte. So begann am 3. September 1939 mit dem Zweiten Weltkrieg ein neuer Waffengang, der innerhalb von 5 Jahren mehr als 50 Mio. Menschen das Leben kosten sollte.

Seitdem hat die Welt unzählige Kriege erlebt und die älteren Menschen unter uns erinnern sich noch allzu gut an die Entbehrungen des Zweiten Weltkrieges und die Schrecken der Ardennenschlacht, die unsere Heimat vor 65 Jahren verwüstete und viele Opfer forderte.

Wenn wir heute hier in Schönberg nun der Opfer der beiden Weltkriege gedenken, dann ehren wir zwar vorwiegend Soldaten, die in Erfüllung ihrer so genannten Pflicht gefallen sind, aber sie waren auch Väter oder Söhne, sie hatten ein zu Hause, Familienangehörige, die um sie trauerten, ohne die Möglichkeit, Abschied von ihren Lieben zu nehmen.

Heute noch erleiden weltweit viele Menschen das gleiche Schicksal wie unsere Vorfahren, ob im Irak, in Afghanistan oder Palästina. Kriege haben viele Gründe, sie werden geführt, um den Interessen der Wirtschaft zu dienen , um andere Völker auszubeuten, weil die Bereitschaft zum Kompromiss fehlt, oder um sich zu verteidigen ..., aber sie haben eines gemeinsam: Sie sind ein Ausdruck des Scheiterns.

Und am Ende eines Krieges gibt es meistens nur Verlierer, nicht nur die Toten und verwundeten Soldaten, sondern auch die ein Leben lang traumatisierte Bevölkerung in den Kriegs- und Krisengebieten.
Denn bei vielen dieser Konflikte wird oft wenig Rücksicht auf die verbrieften Menschenrechte oder auf unschuldige Zivilisten genommen.

Und Konflikte ziehen Terroranschläge nach sich, die manchmal gezielt die Zivilbevölkerung treffen sollen. Ja man könnte glauben, dass Kriege wie ein böses Ungeheuer alles auffressen, was sich ihnen in den Weg stellt und nicht mehr unter Kontrolle zu bringen sind. Aber es sind Menschen, die sie planen, bis hin zu entsetzlichen Selbstmordattentaten auf zivile Ziele mit unzähligen Opfern.

Dabei verbirgt sich hinter jedem Opfer ein Einzelschicksal, jedes Mal ein sinnloses Sterben, vergebliches Hoffen auf ein menschenwürdiges Leben und keine Chance seinem Leben ein sinnvolles Ziel zu geben und die eigenen Fähigkeiten entfalten zu können.

Deshalb müssen wir uns an dieser Stelle die offene Frage stellen: Warum tun sich Menschen so etwas an? Warum finden sie keine Verhandlungslösungen oder warum treibt die Gier nach Reichtum und Macht die einen dazu, den anderen nicht genug zum Leben zu lassen?

Dann sind wir der Frage nach dem Sinn des Lebens plötzlich sehr nahe und wir erfahren hautnah, dass die Aufgabe, unser Leben zu meistern, keine einfache ist,
aber dieses Leben, in das wir hineingeboren wurden, können wir in freier Wahl mehr oder weniger menschlich gestalten.

Jeder von uns kann Leid verschlimmern oder Leid mildern, auch wenn er es nicht verhindern kann. Wir können Menschen trösten oder sie sich selbst überlassen, wir können Verantwortung für andere übernehmen oder uns um diese Verantwortung drücken.

Im vergangenen Jahr erlebten wir, wohin verantwortungsloses Handeln führen kann. Wir erlebten, wie Manager großer Finanzkonzerne in maßloser Spekulation das Wohl der Menschheit aufs Spiel setzten und damit die schlimmste Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg verursacht haben.

Die Regierungen der wohlhabenden Länder reagierten schnell, um das Schlimmste zu verhindern, aber die Weltgemeinschaft tut sich nun schwer neue Regeln aufzubauen , um derartige Verwerfungen in Zukunft zu verhindern.
Und wer glaubt, die Schuldigen würden zur Rechenschaft gezogen, der wird am Ende enttäuscht sein. Und diese Enttäuschten werden den Glauben an Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verlieren, weil sie sich betrogen fühlen.
Unsere Aufgabe besteht also auch darin, dort, wo wir Verantwortung tragen, ob in kleinen oder großen Positionen, für Gerechtigkeit und faire Bedingungen einzutreten, damit Menschen vertrauensvoll im gegenseitigen Respekt gemeinsam handeln können.

Wenn wir Kriege vermeiden möchten und den Frieden erhalten wollen, kommen wir nicht umhin, uns auf die wahren Werte des Lebens zu besinnen, denn in jedem Menschen ist die tiefe Sehnsucht verwurzelt, „dass sein Leben gelingen möge“. Das Leben kann aber nur gelingen, wenn Menschen die Chance bekommen, ihr Leben selber aufzubauen, ihre Ziele zu verwirklichen aber auch bereit sind die anderen und ihr Lebensumfeld zu respektieren.

Wenn unser Leben gelingen soll, dann gehört eben mehr als Wohlstand dazu, es zählen auch Tugenden wie fairer Umgang miteinander, anderen Chancen einräumen und der nachhaltige Umgang mit den begrenzten Ressourcen unserer Erde. Da heißt es auch warten können auf Glück und Erfolg in der Hoffnung, dass unsere Arbeit gute Früchte bringt. Dazu müssen wir unsere Mitmenschen mögen und ihnen vertrauen, dass auch sie das Gute anstreben!

So sind wir alle mitverantwortlich, dass von uns Friede ausgeht, indem wir die Bereitschaft entwickeln, uns im positiven Sinne zum Wohle dieser Welt einzubringen.

Wir haben es in der Hand, die Mauern des Schweigens in unseren Herzen nieder zu reißen und Lebensfreude zu verschenken!

Wir haben es in der Hand, mutig zuzupacken, wo Menschen in Not sind, uns neuen Aufgaben zu stellen und andere für das Gute zu begeistern.

Wir haben es jetzt in der Hand, auf manches zu verzichten, damit wir nachhaltig leben und unseren Kindern eine noch lebenswerte Welt hinterlassen können.

Wir haben es in der Hand, uns für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte zu engagieren, damit sich nie wieder die Geschichte des Krieges hier bei uns wiederholt!

In tiefen Respekt verneigen wir uns vor den Gefallenen und den Zivilopfern der beiden Weltkriege und allen Opfern der Kriege auf unserem Planeten. Sie haben mit ihrem Leben das Scheitern derer bezahlt, die Verantwortung trugen und sich für Krieg entschieden, anstatt die Chance zum Frieden zu nutzen.

All diesen Opfern zu Ehren legen wir jetzt einen Kranz am Ehrendenkmal hier in Schönberg nieder.

Christian Krings,
Bürgermeister der Stadtgemeinde St. Vith