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22.03.2011, 08:22

»Unsere Kinder strahlen eine neue Eigendynamik aus«

veröffentlicht von: Daniel Theissen

Von Gerd Hennen
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Fächerübergreifender Unterricht ist derzeit das Schlagwort vieler Pädagogikwissenschaftler und Schulplaner. Das Agora-Theater nahm diesen Wunsch zum Anlass, um mit dem Stück »Nebensache« eine ganze Palette an Fähigkeiten und Fertigkeiten der Kinder anzusprechen und sie somit voll und ganz in eine eigenständige Theaterproduktion von A bis Z mit einzubinden.

Nachdem die Premiere der Agora-Produktion bereits im Februar mit großem Erfolg stattfand, luden die beiden St.Vither Patenschulen in der vergangenen Woche zur ihrer eigenen »Kinder-Inszenierung« in das Auditorium der Bischöflichen Schule in St.Vith ein.

Diese Interaktion, die erstmals in dieser Form durchgeführt wurde und in der Theaterpädagogin Helga Kohnen eine exzellente Moderatorin und zugleich auch Koordinatorin hatte, bezeichneten die involvierten Lehrkräfte jedenfalls als tollen Erfolg und pädagogischen Mehrwert auf der ganzen Linie.

Zunächst konnten die Kinder der ersten und dritten Jahrgangsstufe der Gemeindeschule Emmels sowie des 4. Schuljahres des Königlichen Athenäums St.Vith den erfahrenen Theaterleuten bei deren neuen Produktion über die Schulter schauen. So erfuhren die Kinder bei der Probebegleitung aus Expertensicht, worauf es bei der Produktion ankommt und welche Schwerpunkte Schauspieler und auch Regisseure setzen müssen, damit das Werk später auch vom Publikum angenommen wird. »Unsere Kinder nehmen zwar regelmäßig an Schultheateraufführungen teil, doch ein Blick hinter die Kulissen wird ihnen dann meist verwehrt. Wir haben somit quasi aus erster Hand erfahren, wie Theater gemacht wird«, so der Emmelser Schulleiter Alfred Mertgens. Bezeichnend für das Theaterprojekt war sicherlich auch das »unfertige Stück«, das erst in Gesprächen und in Kooperation mit den Kindern selbst als »Ganzes« erarbeitet werden musste.

Hand in Hand

»Nebensache« wurde im Vorfeld von Agora jeweils ein Mal in den verschiedenen Klassen gespielt, so dass sich im Anschluss Regisseur, Schauspieler und Kinder zu einem interessanten und fruchtbringenden Brainstorming zusammensetzen konnten. Die Kinder wurden von den Erwachsenen ernst genommen, ihre Wünsche und Abänderungsvorschläge wurden ins Hauptwerk übernommen und weiter entwickelt. »Vor allem die Tatsache, dass die Änderungen, die in Gesprächen festgelegt wurden auch tatsächlich in die Inszenierung mit einflossen, stärkte die Motivation und das Selbstvertrauen der Kinder. »Sie konnten sich somit Gehör verschaffen und spürten eine unmittelbare positive Rückmeldung«, erklärte Alfred Mertgens. In einer zweiten Projektphase ging es darum, dass die teilnehmenden Schulklassen die »Nebensache« in Eigenregie inszenierten. Eine spannende Aufgabe. »Wir haben dank Helga Kohnen das Thema theaterpädagogisch in insgesamt zehn Unterrichtseinheiten durchkämmen können und mussten oftmals feststellen, dass die verschiedenen Altersgruppen das Thema grundlegend anders bewerteten und gewichten. Unter dem Strich wurden völlig verschiedene Geschichten entwickelt.«

14 Szenen

Die kleinen Schauspieler fassten Cornelius' Geschichte in eigenen Bildern zusammen und schrieben ein eigenes Regiebuch. Im Spiel und Gespräch arbeitete die Gruppe eigendynamisch an neuen Handlungsmustern. Am Ende stand dann die Herausforderung, das eigenständig Kreierte zu strukturieren und ein eigenes Theaterwerk zu inszenieren. Die Geschichte von Cornelius auf der Durchreise machten die Kids in 14 Szenen fest, die jeweils betitelt wurden und den roten Faden der Story darstellten. In der der letzten Phase ging es um die Logistik, das Einstudieren und vor allem die Organisation mit Rollenverteilung, Regieanweisungen und Requisite. »Anfangs war ich noch recht skeptisch, wurde aber sehr schnell eines Besseren belehrt. Unsere Kinder haben dieses Projekt in vollen Zügen genossen und konnten spielerisch und unbewusst eine Vielzahl an Schlüsselkompetenzen erfahren«, stellte der Schulleiter zufrieden fest.

Rhetorik, freies Sprechen, Sachkompetenz, Kreativität (Plakatentwürfe), Gesprächsregeln, dialektische Fragestellung, Disziplin, Organisation und vor allem soziales Miteinander sind Kompetenzen, die zur Aufwertung des eigenen Selbstbewusstseins und Selbstwertgefühls beitragen. Viele dieser Fähigkeiten flossen unbewusst in das Projekt ein. »Gerade die Tatsache, dass die Kinder sich in diesen Kompetenzen selbst in Frage stellen mussten, erhöht die Nachhaltigkeit ungemein. Hier hatte man Spaß, Dinge zu erfahren und zu erlernen, ohne es direkt zu merken.«

Ziel dieser Maßnahme waren diverse Schulaufführungen, damit das Konzept und auch die »Message« von Cornelius in die Welt hinaus getragen werden. »Unsere Produktion soll anderen Schulen und Kindern Mut machen, Ähnliches zu versuchen. Wir stehen jedenfalls als Pilotprojekt-Teilnehmer voll hinter diesem fächerübergreifenden Projekt. Es wäre wünschenswert, wenn möglichst viele Schulen diesen Schritt zum eigenen Theaterstück wagen würden, denn es lohnt sich allemal«, so Alfred Mertgens abschließend.

 

Ein Theaterstück nicht nur für Kinder

Die erste Agora-Produktion ohne den im Dezember 2009 verstorbenen Mentor Marcel Cremer beschreibt das facettenreiche und oftmals traurig-melancholische Leben von Cornelius, der als Vagabund mit seinen spärlichen Habseligkeiten scheinbar ziellos von Ort zu Ort reist.

»Nebensache« ist ein Theaterwerk der dänischen Autoren Jakob Mendel und Gitte Kath und richtet sich an Theaterbesucher ab sechs Jahren. Cornelius schläft jede Nacht an einem anderen Ort, mal in der Ecke eines Raumes, in einem Klassenzimmer oder aber einfach im Freien. Er ist immer auf der Durchreise, streift durch die Lande, denn er hat kein »zu Hause« aus Stein oder Holz. Sein zu Hause sind das Unterwegssein und die Menschen, denen er begegnet. Früher hatte er viele Besitz- und Reichtümer, die er aber im Laufe der Zeit allesamt aufgeben musste oder durch Katastrophen verloren hat. Diese, seine Geschichte erzählt er allen, die sie hören wollen. Es ist eine Geschichte von Glück und darüber, was man braucht, um glücklich zu sein. Über Besitz und Verlust. Über Schulden und Schuld. Über Bauern und Banken. Über Ausweglosigkeit und den Mut zum Neuanfang. Wenn er die Geschichte erzählt hat, macht er sich wieder auf den Weg. Nebensache erzählt somit eine Geschichte, die alltäglich vorkommt. Eine Geschichte ohne Schlagzeile, die Raum für eigene Überlegungen und Interpretationen lässt. Die Regie für Agora führt Kurt Pothen und Roland Schumacher fungiert in der »Erwachsenenausführung« als alleiniger Schauspieler.

Das Stück und die Inszenierung wurden jedoch von zwei Schulen der DG, der ersten und zweiten Primarschulstufe der Gemeindeschule in Emmels sowie vom 4. Schuljahr des Königlichen Athenäums St.Vith theaterpädagogisch von Helga Kohnen begleitet, die sowohl ihre eigenen Ideen in die Agora-Inszenierung einfließen ließen, als auch ein eigenes, Kind gerechtes Drehbuch zusammenstellten und in der vergangenen Woche ihren Schulkameraden vorführten. (gh)

Quelle : www.grenzecho.net