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Geschichte

Der Büchelturm

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»Der Himmel über St.Vith« - Essai zur bewegten Geschichte einer Stadt, die oft die Kriegslust mächtiger Passanten provoziert hat

Büchelturm... Einsames Symbol des Widerstands ... jenseits der Kaiserbaracke zieht die Autobahn eine große Schleife. Überall weite Eifellandschaft, Wiesen- und Tannengrün, wohin das Auge reicht, am Horizont Hochwald in dunklen Zacken. Da liegt St.Vith, an den Hügel angelehnt. Die Pfarrkirche und die Bischöfliche Schule dominieren die junge Silhouette, gleich weiß man, wer hier das Sagen hat. Darüber aber ein schwermütiger Himmel, und der Westwind jagt graue Wolkenfetzen über das Land.

Dieser Himmel verrät Wesentliches über diese Stadt. Und wenn es herbstlich, abendlich ist wie zu dieser Stunde, ist hier das rechte Dämmerlicht, das Gespür weckt für finstere Geschichte. Sie ist Weihnachten 1944 im Sturmangriff alliierter Bomber über St.Vith hereingebrochen, alles in Schutt und Asche legend, kein Stein blieb auf dem anderen. Die Stadt brannte wie eine lodernde Fackel, so berichten Augenzeugen, kilometerweit habe man den Feuerschein gesehen. Kein Abendrot, keine stille, keine heilige Nacht.

Es zählt zu den seltsamen Zufällen, den zeichenhaften Fügungen dieser Geschichte, dass mitten im Trümmerfeld der aus dem 14. Jahrhundert stammende Büchelturm den Angriff überstand. Während ringsum die Spreng- und Splitterbomben die schiefergetäfelten Häuser und Fachwerkbauten dem Erdboden gleichmachten, trotzte der Turm dem Inferno, nicht gebeugt, aber getroffen: Die Familie Terren, die hier Zuflucht suchte, kam in seinen Mauern um.

Der Turm, der bereits 1689 eine Schleifung der Stadt überstanden hatte, wurde 1961 vollständig wiederhergestellt. Ein ein- sames Symbol des Widerstands inmitten heller Klinkerbauten. Efeu rankt zäh an seinen Steinen empor, zwischen denen trockenes Gras klafft wie Greisenbart. Am rotweiß geringelten Mast schlägt das Stadtbanner mit dem luxemburgischen Löwen heftig im Wind. Und darüber dieser düstere Regentaghimmel, als drohe von da oben immer noch Heulen, Zähneknirs

Betrachtet man im ehemaligen Bahnhof die Exponate des Geschichtsvereins, fällt rasch auf, dass der alte Knotenpunkt, an dem die Straßen von Eifel und Ardennen zusammenlaufen, immer wieder die Kriegslust und Zerstörungswut mächtiger Passanten provoziert hat. St. Vith, am äußersten Grenzpunkt des Wildbanns des Kölner Erzbischofs gelegen und somit eine wichtige Etappe auf dem Weg nach Reims, befand sich auf halber Strecke zwischen den einflussreichen Eifelabteien Malmedy und Prüm. Seine Märkte, auf denen Korn, Salz, Tuch und Wein gehandelt wurden, waren bekannt bis nach Aachen und Düren. Man stand im Dienst der Grafen von Luxemburg oder von Nassau und überließ den schwarzen Mönchen aus dem Warchetal die Ernennung der Schöffen, Meier und Förster.

Aber der kleine Wohlstand hinter den Wäldern war manchem ein Dorn im Auge. 1350 befahl Kaiser Karl IV. die Behinderung des Ausbaus von Burg und Marktbefestigungen. 1438 verbrannte das hier ausgelagerte Archiv der Abtei Malmedy mitsamt allen wertvollen Schätzen. 1517 und 1543 ließ der Herzog von Jülich St.Vith niederbrennen. 1602 brandschatzte Ludwig von Nassau die Stadt, die dreißig Jahre später bereits wieder von holländischen Truppen geplündert wurde. 1689 waren es schließlich die Franzosen, die restlos aufräumten. Der Befehl lautete unmissverständlich, man habe in der befestigten Stadt so vorzugehen, »dass sich der Feind nicht mehr darin aufhalten kann«.

Wenn man dies weiß, begreift man, dass die Bevölkerung von St.Vith es nicht hinnahm, die zerstörte und von Seuchen bedrohte Stadt 1945 an anderer Stelle völlig neu zu errichten. Bereits zehn Jahre später läuteten über dem ehemaligen Trümmerfeld die Glocken der wiedererrichteten Pfarrkirche. Ein Bauwerk von neoromanischer Wucht, das, von weitem sichtbar, seinen spitzen Turm sechzig Meter hoch in die Eifelwolken streckt, so, als gelte es noch immer, Unheil jedwelcher Art abzuwehren.

Mehr als sonstwo in Ostbelgien gibt es hier ein starkes Bedürfnis nach intakter Heimat, das sensibel darüber wacht, dass die alten Werte ländlichen Lebens, die deutsche Mutter- sprache und bodenständige Kultur keinen Schaden nehmen. Die aus dem Hochmittelalter stammende Sankt-Sebastianus- und Rochus-Schützenbruderschaft, die einst im Theologenstreit auszog, die von Steinwürfen bedrohte Prozession des Allerheiligsten zu eskortieren, steht heute zusammen mit dem »Geschichtsverein zwischen Venn und Schneifel« stellvertretend für viele andere Gewehr bei Fuß, um mit Argusaugen über Wohl und Wehe der Kulturpolitik zu wachen.

Die Last historischer Plünderungen, das raue Eifelklima, die schwierige Verkehrslage und eine natürliche Skepsis gegenüber den Machtansprüchen der benachbarten Wallonie bildeten dafür schon zu Preußenzeiten einen soliden Nährboden. So richteten 1841 angesehene St.Vither Bürger eine Petition an den Aachener Oberpräsidenten, um gegen eine »königliche Kabinettsorder« zu protestieren, die den Kreis St.Vith aufgelöst und Malmedy zugeschlagen hatte. »Nimmt man noch die Verschiedenheit der Sprache, der Sitten und des Charakters zwischen den Einwohnern hinzu, dann wird das Unpassende einer Vereinigung beider Kreise auf das Evidenteste dargetan«, heißt es in dem Schreiben, das allerdings die preußische Obrigkeit unbeeindruckt ließ.

»Das Unpassende einer Vereinigung« ist bis heute ein politisches Thema geblieben, wobei das St.Vither Land seine Interessen mittlerweile mit Nachdruck zu vertreten versteht. Jüngst hat man an der Straße nach Breitfeld einen alten Eisenbahnviadukt abgerissen, der seit der Ardennenschlacht wie ein Mahnmal der Absurdität seine Arme ins Leere streckte. Die Operation war umstritten, aber schließlich hat man auch diese letzte Erinnerung an ein dunkles Kapitel der Geschichte ausradiert. Im melancholischen St.Vith hat man ganz auf Offensive gesetzt.

Es gibt zwei andere Stätten, die an dieser Straße die stille Intensität von Alt und Neu greifbar machen. Da ist rechts das Atelier der Künstlerin Simone Huby, die in ihrer sensiblen Scheu an die Dichterin Nelly Sachs erinnert. Das Material ihrer Arbeiten sammelt sie auf Müllkippen, aber sie gibt auch dem Allerletzten die Würde zurück. Nichts Verfallenes, Verkommenes, das bei ihr nicht Gnade und Verwandlung fände und dabei doch die Zeichen seiner Bedrohung bewahrte. Die Pracht der Klage. Die grandiose Trauer. Die nichts preisgebenden Hände der Mütter. Das bisschen Schmutz, was soll's? Nur Aschenkreuze auf dem Wüstenweg zum Morgenstern.

Gegenüber, unter Linden geduckt, die Kapelle von Wiesenbach. Ringsum ein kleiner Friedhof, unter dem Dachvorsprung der Hochsitz eines alten Landgerichts, man spürt sofort: Hier ist Geschichte. Professor Heinrich Neu hat diese sonderbare Stätte des Glaubens und der Justiz auf das Jahr 876 datiert und sie als jenes »Wisibrona« identifiziert, das den Anstoß zur späteren Siedlung St.Vith gab. »Domus Dei et porta coeli«, so hat man vertrauensvoll in die dunkelroten Türbalken geritzt. Und wer immer eintritt, wird in diesem Mikrokosmos ländlicher Frömmigkeit bald auch Spuren jener Kraft fühlen, die durch Jahrhunderte das Volk beseelt hat, sich hier den Heiligen Bartholomäus und Hubertus und der Fürsprache Mariens anzuvertrauen. Dies geschah nicht nur mit Rosenkränzen und Opferkerzen, sondern auch mit Prozessionen und Pilgerfahrten, selbst aus dem Trie­rer Land, bei denen junge Hähne und Schweinsköpfe geopfert wurden.

Heute fließt im Schatten der uralten Hügelgräber kein Blut mehr, die Quellen des Heiligtums sind versiegt, die Vätersprüche der Einsiedler verstummt, aber im Halbdunkel der Apsis leuchtet sie noch einmal auf: die ockerfarbene Pracht mittelalterlicher Fresken, die 1982 von dicken Kalk- schichten befreit wurden. Sie zeigen in rührender Einfalt bäuerlicher Inbrunst die Szenen der Todesangst im Garten Gethsemani und geben diesem Ort seine stille Macht zurück.

Jenseits des Prümer Bergs, dort, wo sich die enge Straße hinab ins Ourtal nach Schönberg windet, kann man in der Mitte des Sommers, am Fest Maria Himmelfahrt, noch einmal die Atmosphäre mystisch- ritterlicher Eifeltradition erleben. Dann zieht bei Anbruch der Nacht die Lichterprozession hin­­auf zur Lourdesgrotte, und Tausende von Kerzen tauchen das alte Land des Burggrafen Cuno von Schonenberg in eine seltsame Ernsthaftigkeit. Wieder mischen sich die Verehrung der »weiß leuchtenden Dame«, glühender Wunderglaube und der Zauber historischer Ruinen.

Greifbare Geschichte auch in den bis an die wallonische Sprachengrenze reichenden Emmelser Waldungen, die der bodenständigen Bevölkerung von der österreichischen Kaiserin Maria Theresia geschenkt wurden und die bis zum heutigen Tag die Gerichte beschäftigen. Da geht es zwischen der Genossenschaft von Emmels und der Stadtgemeinde St.Vith um Besitz- und Nutzungsrecht, ein mitunter leidenschaftlich ausgetragener Streit, bei dem sich zwischen dunklen Tannen schon wiederholt Forstbeamte und unbeugsame Waldbauern gegenüberstanden.

Auch die alte Gemeinde Recht gehört zum weitläufigen St.Vith. Die »Meierei« wird schon in Urkunden der Könige Childerich, Sigebert und Ludwig des Frommen erwähnt. 1725 wanderten Tiroler Familien aus Landeck ein und bauten drei Jahrhunderte lang Schiefer- gestein ab. Die Zangerles, Starks und Grafs verhalfen damit dem »Rechter Stein«, einem blaugrauen, grobkörnigem Schiefer, der vor allem wegen seiner Wetterfestigkeit geschätzt wurde, zu hohem Ansehen. Sie trieben nicht nur einen vierhundert Meter tiefen Stollen in den Rechter Berg, sondern prägten auch die lokale Eifeler Mundart mit zahlreichen melodischen Zwischentönen Lind dem Charme Habsburgs.

Wer zur Zeit des Katharinenmarktes, den die St.Vither schnörkellos »Kathreng« nennen, auf den engen Straßen zwischen Lommersweiler, Neidingen, Galhausen, Crombach, Neundorf, Rodt, Mackenbach und Schloss Wallerode unterwegs ist, mag sich an einem Novemberabend wie diesem, der schon dichten Schnee über das Land treibt, noch etwas Glanz erhoffen ... Aus »Grünes Land« (»Unterwegs in Ostbelgien«) Freddy Derwahl (mit Fotos von Gerrit Op de Beek), 1994, GE-Verlag